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Kultur

Mediatisierte Religion - vergötterte Medien?


Was macht den Papst zum Popstar? Sind Popstars vielleicht die eigentlichen Propheten unserer Zeit? Wir »vergöttern« sie – aber glauben wir auch an sie? Was hat Glaube mit Politik und Religion mit Heimat zu tun? Kann man das von einander trennen oder ist Glaube heute zwangsläufig auch politisch? Und was heißt »fromm sein« überhaupt? Braucht man dazu Kirchen? Oder faszinieren allein die alten Mythen und Rituale? Wird Glaube zur Modeerscheinung?

Als Kommunikations- und Medienwissenschaftler beschäftigen wir uns an der Universität Bremen seit Längerem mit Fragen wie diesen, denn sie haben in irgendeiner Weise alle mit Medien zu tun. Es ist nur wenige Jahre her, da spielte das Thema Religion und Glauben jenseits von Spartensendern und so genannten Special Interest Magazinen allenfalls im Nachmittagsprogramm der großen Fernsehkanäle eine Rolle. Spätestens jedoch mit den Medienereignissen anlässlich des Begräbnisses von Papst Johannes Paul II. und des Besuchs seines Nachfolgers in Deutschland anlässlich des Weltjugendtags in Köln im Sommer 2005 ist deutlich geworden: Glaube, Religion und Kirche sind aus der Medien- und Unterhaltungsbranche nicht mehr wegzudenken. Ganz gleich, ob es um religiösen Fundamentalismus, um die Popularität von Popkünstlern und religiösen Führern oder Rundfunkangebote geht – Medien liefern Stoff für Auseinandersetzungen um die Frage nach Sinn und Orientierung im Leben und die Rolle religiöser Einstellungen und Institutionen in Kultur und Gesellschaft.
 
An aktuellen Beispielen aus den Medien greifbar zu machen, wie dies geschieht, und gemeinsam mit einem breiten, insbesondere jungen Publikum zu diskutieren, wie dies in Zusammenhang steht mit persönlichen religiösen Überzeugungen und Glaubensstilen, ist das Ziel von »Religionswelten.de: Die Glaubensmedienbox«. Die Projektidee wurde beim Hochschulwettbewerb »Geist begeistert« vom Bundesministeriums für Bildung und Forschung ausgezeichnet und 2007 zum Jahr der Geisteswissenschaften am Institut für Medien, Kommunikation und Information (IMKI) der Universität Bremen realisiert. In monatelanger Forschungs- und Projektarbeit entwickelten Studierende des Masterstudiengangs Medienkultur und der Kulturwissenschaften unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Hepp, Diplom-Medienwissenschaftlerin Veronika Krönert und Diplom-Pädagoge Daniel Tepe die Multimedia-Plattform www.religionswelten.de, auf der der Stand der Forschung zum Wandel von Religion in der Medienkultur aufgearbeitet und zur Diskussion gestellt wird.

Die Vielfalt der Beispiele aus Film und Fernsehen, Alltag und Popkultur, Handy und Internet auf anschauliche Art und Weise zeigt nicht nur die Reichhaltigkeit und Farbigkeit der Religionswelten, die unseren Medienalltag durchziehen, sondern auch damit verbundene Differenzen und Widersprüche. Vor allem zwei Beobachtungen ziehen sich wie ein roter Faden quer durch die Fülle des Materials: In unseren westlichen zunehmend medial geprägten Kulturen werden religiöse Konflikte (immer auch) über Medien ausgetragen; gleichzeitig geraten in dem Maße, wie religiöse Themen in den Medien verhandelt werden, umgekehrt auch religiöse Institutionen zunehmend unter Druck, ihre Glaubensangebote auf mediengerechte Weise zu inszenieren und auf den Zug medialer Ereignisse aufzuspringen. Der Weltjugendtag, dessen kommunikative und organisatorische Herausforderungen für alle Beteiligten im Mittelpunkt unserer gemeinsam mit Sozialwissenschaftlern von drei weiteren Universitäten durchgeführten Studie »Megaparty Glaubensfest« standen, ist hierfür sicher ein Paradebeispiel – aber längst kein Einzelfall mehr. Zugleich eröffnen sich über digitale Medientechnologien neue kommunikative Räume, in denen private Religiosität ausgelebt und praktiziert wird. Spuren einer neuen populären Religiosität, die sich aus alten Mythen ebenso speist wie aus populärer Star-Verehrung, finden sich aber auch in kommerziell erfolgreichen Medienprodukten wie »Harry Potter« oder »The Da Vinci Code«.

Im Dezember 2007, zum Abschluss des Jahres der Geisteswissenschaften, waren Teilnehmer und Interessierte zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion zum Wandel von Medien, Religion und Jugendkultur ins Haus der Wissenschaft geladen. Trotz - oder gerade wegen - der Uneinheitlichkeit individualisierter Religiosität, stand für die Diskutanten auf dem Podium vor allem eines fest: Religiosität stellt sich heute weniger als streitbare moralische Orientierung dar denn als religiöses Gefühl. Und während institutionalisierte Glaubensgemeinschaften wie etwa die christlichen Kirchen nur mit Mühe in der Lage sind,  Sehnsüchte zu bedienen, sind es immer häufiger perfekt inszenierte Medienereignisse oder intensiv beworbene Lifestyle-Moden wie die aktuelle Wellness-Bewegung, die die religiösen bzw. spirituellen Bedürfnisse gerade auch junger Menschen treffen.
Ob dieser Trend hin zum religiösen Gefühl, zur Spiritualität tatsächlich neu ist oder nur die mediatisierte Form traditioneller Formen der Wallfahrt, der Heiligenverehrung oder anderer ritueller Zeremonien – darüber konnten und wollten sich die Wissenschaftler – Prof. Dr. Winfried Gebhardt, Religionssoziologie an der Universität Koblenz-Landau, Dr. Waldemar Vogelgesang, Jugendsoziologe an der Universität Trier, Prof. Dr. Jürgen Lott, Theologe und Religionswissenschaftler an der Universität Bremen und Prof. Dr. Andreas Hepp vom Institut für Medien, Information und Kommunikation der Universität Bremen – nicht einigen.

Die Ergebnisse des Projekts jedenfalls sind ebenso wie das Diskussionsforum auf www.religionswelten.de frei zugänglich. Daneben informiert der SpurensucherBlog aktuelle über Frag- oder Diskussionswürdiges, Nachdenkliches, Skurriles, Politisches oder Kontroverses zum Thema Religion und Glauben in den Medien: Aus welchem Stoff sind »Glaubensgeschichten« in den Medien? Welche Facetten werden dabei verhandelt – und welche nicht? Wo liegen Widersprüche und Konfliktpotenziale in der Art und Weise, wie über Glaubensfragen nachgedacht und diskutiert wird? und schließlich: Welche anderen 'großen' fragen scheinen hinter den Berichten auf, etwa zu Pressefreiheit, Kommerzialisierung und Konsum, Macht und Politik.  


Detaillierte Informationen über das Projekt religionswelten.de sowie zur angesprochenen Studie zum Weltjugendtag in Köln erhalten Sie bei Veronika Krönert unter veronika.kroenert@uni-bremen.de oder 0421 218-67623.
Einblicke in die Arbeit des Instituts für Medien, Kommunikation und Information (IMKI) finden Sie unter www.imki.uni-bremen.de.




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